HYPOMELANOSE vom Typ Ito (HMI) eine Broschüre für Eltern

Ihnen ist von Ihrem Arzt, vielleicht nach verschiedenen anderen Verdachtsdiagnosen mitgeteilt worden, dass bei Ihnen oder Ihrem Kind möglicherweise eine Hypomelanose vom Typ Ito (HMI) vorliegt oder dass dieser Verdacht durch eine Chromosomenanalyse bereits gesichert ist.

Wie Viele in einer ähnlichen Situation machen Sie sich wahrscheinlich Sorgen:
- „Was bedeutet das für mich/mein Kind?”
Oder Sie haben im Internet unterschiedliche Informationen gefunden:
- „Was stimmt davon?”

Diese Broschüre soll das ausführliche Gespräch mit dem Arzt Ihres Kindes nicht ersetzen, aber Ihnen helfen, sich in Ruhe zuhause mit dieser (Verdachts-) Diagnose vertraut zu machen. Sicherlich können Sie Ihren Arzt weiterhin ansprechen, wenn neue Fragen im weiteren Verlauf entstehen. Jeder Patient mit HMI nimmt seinen ganz individuellen Weg, aber es gibt einige Merkmale, die bei Patienten mit HMI gehäuft vorkommen. Die Kenntnis dieser Merkmale wird Ihnen und den Ärzten, die sich um Sie/Ihr Kind kümmern, wesentlich helfen, Sie / Ihr Kind bestmöglich zu betreuen und zu fördern.

WAS IST DIE HYPOMELANOSE vom Typ Ito?

Bei der HMI handelt es sich um ein angeborenes Syndrom (OMIM #300337), d.h. ein charakteristisches Zusammentreffen mehrerer Merkmale, die z.T. schon bei Geburt vorhanden sind, und sich z.T. erst im Lauf der Kindheit/Jugend entwickeln. Hinweisend sind charakteristische Hautbefunde, die variabel z.B. mit Sprachentwicklungsverzögerung und/oder anderen neurologischen Befunden kombiniert sein, aber auch isoliert auftreten können. Daher wird die HMI als neurokutanes Syndrom (Nerven- und Hautsystem betreffend) eingeordnet.
Erstmals beschrieben wurde die HMI vom japanischen Arzt Minor Ito im Jahr 1952. Ein weiterer Name für diese syndromale Pigmentstörung ist „Pigmentmosaik vom Typ Ito”.
!(„Incontinentia pigmenti achromians” sollte wegen Verwechslungsgefahr mit einer anderen Erkrankung vermieden werden!)

WIE HÄUFIG IST DIE HYPOMELANOSE vom Typ Ito?

Eine verlässliche Angabe ist wegen der sehr wechselnd stark ausgeprägten Befunde schwierig. Wahrscheinlich handelt es sich um die dritthäufigste genetisch bedingte neurokutane Störung beim Menschen. Dennoch gehört die HMI zu den sog. seltenen Erkrankungen mit einer geschätzten Häufigkeit bei Geburt von ca. 1 von 10.000 Neugeborenen, wobei sie bei Mädchen/Frauen möglicherweise etwas häufiger als bei Jungen/Männern beobachtet wird.

WIE ENSTEHT DIE HYPOMELANOSE vom Typ Ito?

Dr. Schubert, Humangenetische Laborpraxis, Köln, 2011

Ein gesunder Mensch weist 46 Erbinformationsträger (Chromosomen) in allen Körperzellen auf: 22 paarige Chromosomen und das sog. Geschlechtschromosomenpaar (XY beim Mann, XX bei der Frau; s. nebenstehende Abbildung).

Bei ca. 2 von 3 Patienten mit HMI ist nachweislich die Zahl der Chromosomen oder die Struktur eines der Chromosomen, nicht selten z.B. des X-Chromosoms, in den hypomelanotischen Hautzellen verändert.
Dabei kann es sich von Patient zu Patient um völlig unterschiedliche Chromosomenveränderungen handeln. Sollte in Ihrem Fall/bei Ihrem Kind eine solche Veränderung mit Fachwörtern (z.B. Triploidie, Translokation, Deletion) beschrieben sein, können Sie solche Fachbegriffe z.B. bei der Elternvereinigung Leona e.V.(„Eltern im Alltag”→„Einführung zu Chromosomenstörungen”)

Entscheidend ist, dass die jeweilige Chromosomenveränderung nicht in allen Körperzellen vorkommt, sondern nur einem Teil, so dass chromosomal regulär ausgestattete und chromosomal auffällige Körperzellen bei einer Person nebeneinander vorkommen. Dies nennt man ein „chromosomales Mosaik”.
Chromosomale Mosaike entstehen in der Regel nach der Zeugung, d.h. nachdem sich die befruchtete Eizelle schon ein oder mehrere Male geteilt hat, durch einen Zufall der Natur. Daher tritt die HMI meistens nur bei einem Kind eines Paares („sporadisch”) auf. Die Geschwisterkinder sind in der Regel gesund bzgl. HMI. Beim betroffenen Patienten können die chromosomalen Veränderungen in verschiedenen Körperzellen (Haut, Gehirn, etc.) vorkommen, u. U. auch in den Keimzellen (d.h. den Samen- bzw. Eizellen; s. u. Abschnitt „Genetische Ursachen – zukünftige Familienplanung”).

WIE ERKENNT MAN DIE HYPOMELANOSE vom Typ Ito („DIAGNOSE”) ?

Davide Brunelli - http://www.med-ars.it

HMI ist i. d. R. eine nachgeburtliche Diagnose. Vorgeburtliche Untersuchungen wie Ultraschall- / evtl. Chromosomenuntersuchung des ungeborenen Kindes sind speziell für HMI ungeeignet, da sie keine Aussage über die individuelle Ausprägung evtl. nachgeburtlicher HMI Befunde erlauben.

Die charakteristischen Hautbefunde können bei Geburt vorhanden sein oder sich erst im Kindes-/Jugendalter entwickeln. Es handelt sich um Hypopigmentierungen entlang der sog. Blaschko-Linien. Dies sind Wachstumslinien, entlang derer spezielle Hautpigmentzellen (Melanozyten) durch Zellteilung aus gemeinsamen Vorläuferzellen hervorgegangen sind. Die hypopigmentierten Zonen können in allen Körperteilen auftreten, auch asymmetrisch z.B. nur in einer Körperhälfte, und sind bei Hellhäutigen besser mit einer speziellen UV-Lampe erkennbar; bis zum Ende des 1. Lebensjahrs bei ca. 70% der Patienten. Sie sind nicht behandlungsbedürftig.

Wichtig: Hypopigmentierungen, die als Folgestadium nach anfänglicher Bläschen- oder Warzenbildung bzw. Hyperpigmentierungen in der frühen Kindheit auftreten, weisen nicht auf HMI, sondern auf eine andere Erkrankung hin! Entlang der hypopigmentierten Areale fehlen bei einigen Patienten die Schweißdrüsen = Hypohidrose. Außerdem werden gehäuft im Kopfbereich Störungen des Haarwuchses beobachtet (z.B. fehlende Behaarung = Alopezie oder veränderte Farbe in begrenzten Bereichen des Haupthaars). Auch veränderte Fingernägel (Nagelhypoplasie) oder andere umschriebene Hautauffälligkeiten (cafe-au-lait Flecken, Naevi) sind beschrieben worden. Die Hautbefunde reichen aus, um eine Chromosomenuntersuchung zu veranlassen (s.u. „Laboruntersuchung bei HMI”).

Unabhängig von der Ausdehnung der Hautbefunde können Merkmale in anderen Körperteilen in individuell variabler Kombination vorkommen (s. folgender Abschnitt).

WIE WIRD MEIN KIND SICH ENTWICKELN („PROGNOSE”) ?

Neurologische Entwicklung (je nach Studie bei 3-9 von 10 Patienten): naturgemäß ist dieser Bereich mit den meisten elterlichen Sorgen behaftet. Umso wichtiger: wahrscheinlich wurde die Häufigkeit und Schwere der neurologischen Beeinträchtigung früher zu hoch eingeschätzt! Der Grund: ein HMI-Patient z.B. mit milder Sprachentwicklungsverzögerung ohne weitere Probleme wird weniger häufig eine ärztliche Betreuung erfordern (und dadurch eher unentdeckt bleiben) als ein HMI-Patient mit Epilepsie und/oder geistiger Behinderung. Es gibt also durchaus HMI-Patienten ohne nennenswerte neurologische Beschwerden oder Entwicklungsverzögerung. Es folgen die wichtigsten neurologischen Befunde, die in ihrer Ausprägung unabhängig von der Ausprägung der Hautbefunde sein können.

WORAUF MUSS NOCH BEI DER BETREUUNG MEINES KINDES GEACHTET WERDEN ?

Sich die Offenheit und den Optimismus zu bewahren, dass sich das eigene Kind gut entwickeln wird, aber gleichzeitig wachsam zu sein, evtl. behandlungsbedürftige Zeichen einer neurologischen Beeinträchtigung früh zu erkennen, ist keine einfache Situation für die meisten Eltern eines Kinds mit HMI. → Zur Entlastung der Eltern wird eine Anbindung an ein sozialpädiatrisches Zentrum (SPZ) oder andere Frühfördereinrichtung empfohlen, welche ggf. den Kontakt zu verschiedenen Spezialisten herstellen kann; u.a.

Augen (bei ca. 2 von 20 HMI-Patienten): z.T. nicht behandlungsbedürftige oder gut behandelbare Störungen wie z.B. Pigmentauffälligkeiten der Netz- oder Regenbogenhaut, Fehlsichtigkeit (Hyper-/Myopie), Linsentrübung (Katarakt), schmächtiger Sehnerv (Optikusatrophie) können mit HMI einhergehen → augenärztliche Vorstellung und ggf. Kontrollen.

Mund-/Rachenraum: Spalte des Zäpfchens, des Gaumens oder von Gaumen, Kiefer und Lippe, fehlende Zahnanlagen („Oligodontie”), Zahn(-schmelz)fehlbildungen. → ggf. Kieferorthopäde zur unmittelbar nachgeburtlichen Anpassung einer Gaumenplatte.

Wachstum: es kann gelegentlich seitenungleiches Körperwachstum auftreten („Hemihypertrophie”), welches z.B. bei Beinlängenunterschieden eine orthopädische Mitbetreuung sinnvoll machen kann.

Geschlechtsentwicklung: es wird gelegentlich ein vorzeitiger Beginn der Pubertät (vor 8. Lj) bei Mädchen mit Brustwachstum, zunehmender Schambehaarung, Akneneigung beobachtet („Pubertas praecox”), der nötigenfalls wirkungsvoll behandelt werden kann. → ggf. Mitbetreuung durch einen Kinderhormonspezialist.

Selten bis vereinzelt sind beobachtet worden:

Hörminderung: vom sog. sensorineuralen Typ (Innohr), die durch regelmäßige Hörteste (→Pädaudiologie) frühzeitig entdeckt und behandelt werden kann.

Autistische Merkmale: fehlende Kontaktfähigkeit + mangelnde Sprachentwicklung + sich wiederholende Verhaltensweisen; können heutzutage frühzeitig durch Spezialisten erkannt und wirkungsvoller als früher behandelt werden.

Sie können als Eltern oder selbst Betroffene/r eine wichtige Rolle bei der optimalen Betreuung Ihres Kindes/zukünftiger Patienten übernehmen, in dem Sie Ihre Erfahrungen an die ärzte, die sich speziell um Patienten mit HMI kümmern, weitergeben. Sammeln Sie alle Arztberichte in einem Ordner und bringen Sie sie bei jeder Vorstellung mit. So garantieren Sie eine optimale Weiterleitung der Informationen zwischen verschiedenen Spezialisten.

WO KÖNNEN WIR ALS ELTERN UNTERSTÜTZUNG FINDEN?

GENETISCHE URSACHE(N) – IHRE ZUKÜNFTIGE FAMILIENPLANUNG

Bei anderen genetisch bedingten Erkrankungen wird eine Chromosomenuntersuchung in der Regel an einer Blutprobe des Betroffenen durchgeführt.

Dies führt bei HMI-Patienten häufig zu einem unauffälligen Ergebnis. Dann sollte anschließend eine Chromosomenanalyse an einer kleinen Gewebeprobe (2-3 mm große Stanzbiopsie nach lokaler Betäubung) aus einem hyopigmentierten Hautareal angeboten werden. Findet sich dort ein Mosaik für zahlenmäßige oder strukturelle Auffälligkeiten der Chromosomen, ist die Diagnose HMI bestätigt. Ist auch in Haut der Chromosomenbefund unauffällig, ist die Diagnose einer HMI bei überzeugenden klinischen Befunden dennoch nicht widerlegt.

Fast immer sind die Chromosomenveränderungen beim jeweiligen Patienten neu entstanden, als sog. somatisches Mosaik (s.o.: Wie entsteht die Hypomelanose vom Typ Ito?) Dementsprechend handelt es sich in den meisten Familien um ein sporadisches Auftreten der HMI bei einem Kind ohne meßbar erhöhtes Wiederholungsrisio für spätere Geschwisterkinder. In allerdings schätzungsweise 3 von 100 Familien wird ein familiäres Auftreten mit dann deutlich erhöhter Wiederholungswahrscheinlichkeit beobachtet. Für Kinder eines Patienten kann ebenfalls eine deutlich erhöhte Wiederholungswahrscheinlichkeit bestehen. Daher ist es in jeder Familie wichtig, die Eltern eines Betroffenen auf evtl. Anzeichen zu untersuchen, um ein seltenes familiäres Vorkommen auszuschließen. Dazu kann Sie ein Humangenetiker weiter beraten. Die Kosten einer humangenetischen Beratung werden von Krankenkassen übernommen.

Ausblick: Hypomelanosis vom Typ Ito ist bei einigen Patienten eine reine Hauterkrankung; bei anderen Patienten sind andere Organe wie das Nervensystem mit einbezogen. Auch wenn es keine Heilung gibt, bietet die moderne Medizin häufig wirkungsvolle Behandlungsansätze, sollten zusätzliche Probleme zu den Hautbefunden auftreten.


Autor: Dr. Raoul Heller, Institut für Humangenetik, Uniklinik Köln, D- 50931 Köln,

2. Oktober 2011

 

 

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